Schwarze Szene - Oder: “Uniformiert unter Uniformierten”
Vorwort:
Falls der ein oder andere Anhänger der “Schwarzen Szene” sich durch den folgenden Text angegriffen fühlen sollte, hat er unter Umständen keinen Humor. Ich schlage vor den Text mit einem Augenzwinkern zu betrachten, sich einfach mal vom “bierernsten” Selbstverständnis zu lösen und die Selbstironie wieder auszupacken.
… Karnevals-Samstag 2008 A.D.
Wir ( ein Freund und ich ) hatten die spontane Idee mal wieder unsere Stamm-Gotendisko heimzusuchen, da wir unter einer gewissen Affinität zu entsprechender Szene “leiden”. Da es sich aber um den Karnevals-Samstag handelte, kamen wir auf die Idee, diesen Umstand auszunutzen um uns beide in Uniform zu schmeißen, was darin endete, dass mein Mitstreiter in einer fast kompletten sowjetischen Ausgehuniform der 80er Jahre, ich hingegen von Kopf bis Fuß in US Army-Woodland-Tracht erschien.
Das Kostüm-Konzept könnte man als “Kalter Krieg” beschreiben, den wir repräsentierten optisch gesehen die Vereinigten Staaten und die damalige Sowjetunion.
Um die Authentizität des Ganzen zu steigern, hatten wir auch Softair-Spielzeug-Waffen dabei. Dabei handelte es sich in meinem Fall um eine Heckler & Koch “MP5 SD6″ ( nicht authentisch aber zweckmäßig ) und eine “AK47“, der Mehrheit bekannt als “Kalaschnikow”.
… Selbstverständlich weder geladen noch schussbereit.
Da ja Karneval war dachten wir uns: Heute muss das drin sein … Kostüm ist Kostüm!
Allerdings steckte hinter der Aktion noch mehr als nur reines Verkleiden. Innerhalb der “Schwarzen Szene” sind Uniformen bzw. kombinierte Uniformteile als Ausgehoutfit nun wirklich nichts Ungewöhnliches. Auch an jenem Abend fanden sich auf der Tanzfläche einige Leute mit in die Ranger-Stiefel gesteckten schwarzen Militärhosen, teilweise sogar Barrets und Jacken/Hemden mit Schulterklappen tragend. Innerhalb der Szene ist das nichts Exotisches, wenn es auch auf den Normalbürger oft befremdlich wirkt. Hinter diesem Styling steckt im Normalfall weder eine rechte Gesinnung noch fanatischer Militarismus. So auch in unserem Fall, da wir uns beide politisch weitab rechter Kreise befinden und nicht mal “gedient” haben, wie ältere Leute das manchmal auszudrücken pflegen.
Auch kann man nicht behaupten, dass wir die bewaffneten Konflikte in der Welt sonderlich toll finden würden, ich glaube ernsthaft kann das sowieso niemand … .
Nebenbei ist Tarnkleidung mittlerweile durchaus ein fester Modebestandteil.
Wir verstanden unser Auftreten eher als Karikierung bestehender Dresscodes und der Tatsache, dass man innerhalb einer Szene auch ohne Uniform-Teile zu tragen durchaus von “uniformiertem Auftreten” sprechen kann, da jeder beim Outfit irgendwie jeden kopiert. Alleine schon durch die Dominanz der Nicht- bzw. “unbunten” Farbe Schwarz und der Beliebtheit bestimmter Szene-Versände, sowie den üblichen Standard-Accessoires. Dies alles hat strenggenommen nichts mehr mit der großgeschriebenen Individualität zu tun, deren sich gerade diese Szene gerne rühmt … .
Nun gut … der Abend lief insgesamt recht spaßig. Es gab sogar Leute die sich mit uns fotografieren ließen, von anderen hingegen ernteten wir zwar auch das eine oder andere Schmunzeln, jedoch ebenso schräge bis vernichtende Blicke. Wer uns und unsere Art von Humor kannte, wusste allerdings durchaus, wie unser Outfit zu werten war. Tage danach gab es auch die eine oder andere Reaktion im Netz.
Da wir es unter Anderem “gewagt” hatten in Uniform (in meinem Fall absichtlich martialisch und “marsch-artig” ) auf Paul Hardcastles “19″ zu tanzen wurde uns vorgeworfen, wir seien zu blöde den Text zu verstehen.
Dazu muss man wissen, dass das Lied “19″ den Vietnamkrieg bzw. die traumatischen Erlebnisse der Soldaten, ihr teilweise sehr junges Alter und den Umgang der Öffentlichkeit mit ihnen nach Ende des Konfliktes thematisiert und zurecht kritisiert. Ein guter Anti-Kriegssong eben, wie ihn die Welt braucht.
“19″ ist zudem ein großartiger Song zum Tanzen, wenn man auf die elektronische Musik der 80er steht. Eine musikalische Perle, die leider viel zu selten aus den Boxen einschlägiger Clubs erklingt. Das sehr aussagekräftige Video zu “19″ findet sich übrigens auf Youtube und wer Titel und Interpreten in die Suchmaske eingibt, sollte es schnell finden *zwinker*.
Aber zurück zu der Reaktion.
Da wurden wir also von jemand kritisiert, ohne dass derjenige uns nach dem “Warum?” gefragt hätte, was ihm seine Bedenken eventuell hätte nehmen können. Nein, lieber erstmal öffentlich im Netz darüber aufregen und mit Beleidigungen um sich werfen (Zitat: “hirnlos”).
Allerdings habe ich schriftlich auf seine Aussagen reagiert, ihm die ganze Sache erklärt und ihn dazu gebracht, halbwegs nachzuvollziehen, welchen Sinn diese nicht ganz Hintergrund-freie Spaß-Aktion hatte.
Die Provokation ging also durchaus auf und wir haben daraus gelernt, dass gerade die Leute, die sich am meisten rühmen eben NICHT oberflächlich zu sein und selbst gerne durch ihre Optik provozieren, im Zweifelsfall ebenso wie alle anderen die Klappe nicht aufbekommen, wenn sie etwas sehen, was sie nicht verstehen.
Im Nachhinein war unser Vorhaben also durchaus als Erfolg zu werten, wobei der betreffende Abend alleine schon ein voller Erfolg war, da wir erwartungsgemäß jede Menge Spaß hatten.

Hey!
Und was genau sollte man an Deinem Artikel als Anhänger der Schwarzen Szene in den falschen Hals kriegen? Ich habe mich ja auf alle Hand gefasst gemacht, nachdem ich Dein Vorwort gelesen habe.
Aber irgendwie war es doch nicht so vernichtend wie erwartet und das spricht dann wohl für meinen Humor…
Tja, ich nehme mal an, dass Du recht hast mit Deiner Einschätzung. Ich muss auch zugeben, dass ich Uniformträgern mit gemischten Gefühlen gegebüber stehe. Einerseits finde ich selbst Uniformen sehr ästhetisch, desweiteren würde ICH persönlich Uniformen aus reiner Ironie, Provokation etc. tragen und nicht aufgrund irgendwelcher ideologischer Überzeugung. Aber wirklich schwierig finde ich es, wenn Menschen Uniformen tragen, die sehr stark an das 3. Reich angelehnt sind. Klar, da spielt bestimmt der Reiz des Verbotenen mit, der Wunsch unsagbar zu provozieren, aber ich finde, dass damit ganz einfach eine Grenze überschritten wird, es gibt Dinge, über die man keine Witze macht, ganz einfach.
Jedenfalls freut es mich zu lesen, dass Ihr Spaß hattet.
Deine Viktoria
@Viktoria:
Zum Thema “In den falschen Hals kriegen”:
Ich hab eben festgestellt, dass sich so mancher Gote viel zu ernst nimmt und sowas wie Humor dann schon mal ein regelrechtes Fremdwort sein kann … .
Ich habs eben einfach vorsorglich dazu geschrieben
Hallo!
Ja, da magst Du recht haben, viele Menschen nehmen sich viel zu ernst. Sich selbst oder das, was sie nach außen hin verkörpern möchten. Ich denke allerdings, dass man dies nicht nur auf die schwarze Szene beziehen kann, sondern auf Menschen allgemein. Die Deutschen allen voran.